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Ernährungs- und Einkaufsverhalten von Personen aus Armutshaushalten


Projektdauer:

01.04.14 bis 31.12.15

Kurzinhalt:

In einer der reichsten europäischen Nationen, wie der Bundesrepublik Deutschland, leben Millionen Menschen in Armut oder sind unmittelbar von ihr bedroht (BMGS 2013). Armut wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus und führt zu einer geringeren Lebenserwartung. Repräsentative Daten zum Ernährungsverhalten von Erwachsenen aus Armutshaushalten liegen in Deutschland bislang nicht vor. Vor diesem Hintergrund sollen entsprechende Informationen anhand der vorliegenden Daten des Scientific-Use-Files der NVS II (MRI 2009) regeneriert werden. Die NVS II ist die derzeit umfassendste Ernährungserhebung (Erhebungsjahr 2005 und 2006) in Deutschland. Sie wurde vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Auftrag gegeben, mit dem Ziel repräsentative Daten zum Lebensmittelverzehr und Ernährungsverhalten der Bevölkerung zu erhalten (Brombach et al. 2006). Der Erfassung des Lebensmittelverzehrs erfolgte mittels der Diet-History-Methode; soziodemografische Daten und Daten zum Ernährungsverhalten und –wissen wurden mittels Interview oder Fragebogen erhoben.
Die vorliegende Auswertung berücksichtigt 11.829 Studienteilnehmer, die mindestens 18 Jahre alt waren und von denen Angaben zu Haushaltseinkommen und Haushaltsgröße vorlagen. Die Operationalisierung des Armutsrisikos (relative Armut) erfolgte auf der Grundlage des Haushaltsnettoeinkommens und der Anzahl der Personen im Haushalt. In Anlehnung an die Definition der EU wurden die Personen als arm bzw. armutsgefährdet klassifiziert, deren Semi-Nettoäquivalenzeinkommen geringer als 60 % des nationalen Medianeinkommens im Jahr 2005 war (Deckl 2013, Statistisches Bundesamt 2014).

Ergebnis:

Bei den Frauen wurden 10,2 % und bei den Männern 7,9 % der Studienteilnehmer als armutsgefährdet klassifiziert. Von Armut betroffene Personen hatten dabei überproportional häufig keinen bzw. einen niedrigen Schlulabschluss, verfügten über ein geringeres Ernährungswissen (nur Frauen), rauchten häufiger und trieben weniger Sport als nicht von Armut betroffene Personen.
Die armutsgefährdeten Frauen und Männer konsumierten signifikant weniger Obst und Obstprodukte, Trink- und Mineralwasser und Fisch und Fischerzeugnisse sowie mehr Limonaden als die nicht von Armut Betroffenen. Armutsgefährdete Frauen verzehrten zudem weniger Gemüse und armutsgefährdete Männer mehr Milch und Milchprodukte sowie mehr Fleisch und Fleischwaren als die nicht armutsgefährdeten Personen.
Bei den armutsgefährdeten Frauen resultierte der Lebensmittelverzehr in einer geringeren Zufuhr von Ballaststoffen, Vitamin C, Magnesium, Kalzium und Eisen als bei den nicht von Armut betroffenen Personen; die armutsgefährdeten Männer wiesen eine höhere Zufuhr von Energie, Fett (in Prozent der Energiezufuhr), Cholesterin, Vitamin A, Vitamin B1, Vitamin B2, Vitamin B12 und Zink sowie eine geringere Ballaststoffzufuhr auf.
Nährstoffsupplemente wurden von armutsgefährdeten Personen seltener eingenommen als von Personen, die nicht von Armut betroffen sind. Bezüglich des Einkaufsverhaltens zeigte sich, dass von Armut betroffene Personen deutlich häufiger im Discounter und seltener auf dem Wochenmarkt einkaufen. Beim Lebensmitteleinkauf spielten bei beiden Gruppen die Aspekte Geschmack, Frische, Gesundheit und günstiger Preis in absteigender Reihenfolge die wichtigste Rolle, wobei der Preis bei Armutsbetroffenen deutlich wichtiger war.
Mittels multipler schrittweiser Regressionsanalysen wurde zusammenfassend untersucht, ob neben dem Armutsrisiko auch die Schulbildung und das Ernährungswissens einen Einfluss auf den Lebensmittelverzehr hat; berücksichtigt wurden dabei auch das Geschlecht und das Alter. Dabei ergab sich folgendes Bild: bezüglich des Konsums von Obst und Obstprodukten, Gemüse, Fleisch und Fleischwaren, Fisch und Fischwaren sowie Milch und Milchprodukten spielte der Faktor Armut dann keine Rolle mehr: das Verhalten war unabhängig vom Armutsrisiko umso günstiger, je höher das Ernährungswissen und/oder die Schulbildung war. Beim Konsum von Trink- und Mineralwasser und Limonaden spielte dagegen sowohl der Faktor Einkommen als auch die Schulbildung und das Ernährungswissen eine Rolle: d.h. auch wenn eine höhere Schulbildung und/oder mehr Wissen mit einem günstigerem Verhalten assoziiert sind, bleibt der ungünstige Effekt von Armut auf das Trinkverhalten bestehen.
Insgesamt zeigt sich, dass Schulbildung und Ernährungswissen einen stärkeren Einfluss auf den Lebensmittelverzehr haben als das Armutsrisiko. So scheint ein geringes Einkommen bei entsprechender Schulbildung bzw. entsprechendem Ernährungswissen nicht zwangsläufig zu einem ungünstigen Lebensmittelverzehr zu führen (Ausnahme Trinkverhalten). Anzumerken ist jedoch, dass in der vorliegenden Auswertung weder die Lebensmittelqualität noch psychologische und sozio-kulturelle Aspekte des Essens mit berücksichtigt werden konnten.
Zusammenfassend kann jedoch geschlossen werden, dass Bildung, insbesondere auch Ernährungsbildung, einen bedeutenden Beitrag zur ernährungsbezogenen Gesundheitsförderung und somit auch zum Abbau von einkommensbezogenen Chancenungleichheiten im Bereich Ernährung und Gesundheit leisten kann.

Projektbeteiligte:

Icon-UserProf. Dr. Lührmann, Petra (Leitung)Profil
Icon-UserM. Sc. Faith Simpson (Leitung)

Verweis auf Webseiten:

Keine

Angehängte Dateien:

keine
Forschungsprojekt
abgeschlossen
Projekt-ID:218
Fak. 1 - Institut für Gesundheitswissenschaften • Ernährung, Konsum und Mode
Erfasst von Lührmann, Petra(Prof. Dr.) am 02.03.15
Zuletzt geändert von Lührmann, Petra(Prof. Dr.) am 23.07.17