Bildung im Elementarbereich. Positionierungen von Eltern und Fachkräften unter besonderer Berücksichtigung der Diskurs(re)produktion der Träger und Leitungen von Kindertagesstätten.
Projektdauer:
01.07.14 bis 31.12.18
Kurzinhalt:
Das Projekt nimmt den anhaltenden bildungspolitisch forcierten Ausbau von Kindertageseinrichtungen zu Bildungsorten in den Blick. Finanziert wird das Forschungsprojekt in der ersten und zweiten Förderphase von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
Ziel der ersten Förderphase war es, unter einer differenzanalytischen, diskurs- und positionierungstheoretischen Perspektive zu untersuchen, wie sich im Zuge aktueller bildungspolitischer Reformen das Verhältnis von Fachkräften und Eltern verschiebt. Diskurse zu Bildung im Elementarbereich finden auf mehreren politischen und institutionellen Ebenen statt und konstituieren sowohl was Bildung bedeutet, als auch wer in diesem Zusammenhang wofür zuständig ist. Entsprechende Zuweisungen von Zuständigkeiten für Bildung gehen mit diskursiven Positionierungen von Eltern und Fachkräften einher, bei denen Differenzkategorien wie soziale Herkunft, Geschlecht oder natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit relevant werden können. In Anlehnung an die qualitative Mehrebenenanalyse wurden verschiedene Ebenen der Diskurs(re)produktion in die Forschung einbezogen. Erhoben und analysiert wurden Konzeptionen, Gruppendiskussionen mit Fachkräften, Elterngesprächsmitschnitte sowie Eltern- und Fachkräfteinterviews von bzw. aus fünf Kindertageseinrichtungen an zwei Standorten. Rekonstruiert wurde, wie sich die jeweiligen Ebenen der Diskurs(re)produktionen zueinander verhalten und wechselseitig durchdringen sowie welche Diskurse und einhergehende Positionierungen sich dabei hegemonialisieren.
In der zweiten Phase des Projekts wird der Fokus auf die Ebene der Träger und Leitungen von Kindertageseinrichtungen erweitert. Im Mittelpunkt steht zum einen die Frage, wie Leitungen und Träger die Diskurse um Kindertageseinrichtungen zu Bildungsorten und die damit verbundenen Verschiebungen im Verhältnis von Eltern und Fachkräften (re)produzieren. Damit verknüpft fragen wir, inwiefern Träger und Leitungen hierüber an Positionierungen von Eltern entlang relevanter Differenzkategorien und an der Reproduktion sozialer Ungleichheit beteiligt sind. Gegenstand der Rekonstruktion ist dabei auch das Verhältnis zwischen den bisher untersuchten Diskurs(re)produktionen (bildungspolitische und einrichtungsspezifische Programmatiken sowie Verhandlungen von Fachkräften und Eltern) und den nun einzubeziehenden Diskurs(re)produktionen von Kita-Leitungen und Trägern. Um sich der Vielfalt der Einrichtungs- und Trägerlandschaft zu nähern, werden neben den bisher untersuchten Einrichtungen und Trägern auch weitere Einrichtungen und Träger in das Sample einbezogen. Gegenstand der Erhebung sind dabei Interviews mit den jeweiligen Vertreter_innen der beiden Akteursgruppen sowie konzeptionelle Selbstdarstellungen.
Ergebnis:
Folgende Verhandlungsgegenstände zwischen Eltern und Fachkräften konnten rekonstruiert werden:
a) Verhandlungsgegenstände in Koordinierungsprozessen zwischen den Institutionen Kita und Familie;
b) Verhandlungsgegenstände bei der Herstellung von Professionalitätsausweisen;
c) Verhandlungsgegenstände bei der Herstellung von Subjekten der Bildung;
d) Verhandlungsgegenstände bei der Bearbeitung/Produktion von Ungleichheit.
Ebenen- und einrichtungsübergreifend lässt sich für die erste Projektphase festhalten, dass sich ein klares Selbstverständnis von der Kindertagesstätte als Bildungsort im untersuchten Feld abzeichnet und die Kindertagesstätte die Bildungshoheit für sich reklamiert. Bildung als ‚leerer Signifikant‘ ermöglicht die Absorption anderer Begriffe wie Erziehung oder Sozialisation und ermöglicht es, Handeln in der Kita insgesamt als Bildungshandeln zu präsentieren. Diese übergeordnete Position, die durch eine Definitions- sowie Handlungsmächtigkeit bezüglich kindlicher Bildung, aber auch der Notwendigkeit der ‚Bearbeitung‘ der Eltern gekennzeichnet ist, bringt verschiedene Diskursproduktionen mit hervor.
Im Rahmen der Verhandlungsgegenstände bei der Herstellung von Bildungssubjekten (c) sind etwa jene Diskursbezüge dominant, in denen beispielsweise das Kind als ‚gutes‘ Kind hervorgebracht werden soll. Das schließt an Kindheitsdiskurse an, die glückliche und aktive Subjekte fokussieren und produziert hegemonialisierende Diskurse um Anforderungen an Kinder und Kindheiten. Zudem wird das Kind als Subjekt von normalisierender Entwicklung verhandelt, das kompensatorische Tätigkeiten erforderlich macht, wenn es zu Abweichungen kommt.
Mit Blick auf die Verhandlungsgegenstände bei der Bearbeitung bzw. Produktion von Ungleichheit (d) lässt sich in Bezug auf migrationsbedingte Differenz der Familien festhalten, dass Sprachfähigkeit ‚kulturelle Differenz‘ als zentralen Verhandlungsgegenstand und ‚Integrationsbarometer‘ abgelöst hat.
Verschiedenen Sprachen werden hierbei unterschiedliche Wertigkeiten zugeschrieben. Bezüglich der Relevanzwerdung von Geschlechterverhältnissen zeigt sich, dass Mütterlichkeit als biographische Erfahrungsressource sowohl von Eltern herangezogen werden kann, um spezifische Positionierungen zu stärken, aber auch von (weiblichen) Fachkräften um – aus einer professionellen Haltung heraus – mütterliche und fachliche Positionierungen anschlussfähig werden zu lassen. Zudem werden Geschlechterverhältnisse dann Gegenstand der Reflexion und/oder Verhandlung, wenn Väter oder männliche Fachkräfte als Akteure in der Kita auftreten.
Weitere Projektleitung: Prof. Dr. Christine Thon, Europa-Universität Flensburg
Weitere Projektmitarbeiterin: Dipl.-Päd. Miriam Mai, Europa-Universität Flensburg, Luisa Abdessadok, M.A.
Projekt-ID:268 Fak. 1 - Institut für Erziehungswissenschaft • Allgemeine PädagogikErfasst von Menz, Margarete(Dr.) am 09.08.17 Zuletzt geändert von Peltzer, Nina am 15.02.23